Kleider machen Leute
Holger (12-15)
"Polizeirevier Nummer 8" heißt das Stück, das wir einmal zu Weihnachten spielten, weil es um ein Erlebnis am Heiligabend geht. Natürlich brauchten wir dazu zwei Polizisten, die möglichst echt aussehen sollten. Umformen? Durften von der Polizei nicht verliehen werden. Der Zufall half. Die Hamburger Polizei hatte gerade eine neue Uniform eingeführt. Und ein Bekannter aus dem Dorf, der in Hamburg Dienst tat, lieh uns seine alte Uniform, die ja jetzt nicht mehr getragen werden durfte. Sie war dunkelblau, und nicht wie in Niedersachsen grün. Aber wer merkt das schon, hier auf dem Dorf?
Ich war ein Polizist mit schicker Uniform. Dazu gehörten auch ein langer Ledermantel und eine weiße Dienstmütze. Im Spiegel konnte ich mich nicht sattsehen. Ich glaube, ich habe sogar ganz anders gesprochen als sonst. Richtig dienstlich. Naja, ich hatte ja schon eine tiefe Stimme, wenn auch von Bartwuchs noch nichts zu sehen war. Dafür war ich aber schon größer als mein Vater oder mein Lehrer. Noch ein Blick in den Spiegel: Toll, dieser Kerl! Ein Wunder, dass mir nicht die Knöpfe vom Mantel wegplatzten, so stolz geschwollen war meine Brust.
Am 3. Advent sollten wir im Gemeindehaus anlässlich des Weihnachtsbasars der Hauptschule spielen. Geschminkt und kostümiert erwarteten wir unseren Auftritt. Da erfuhren wir, es würde noch eine Stunde dauern, bis der Basar schließt. Dürfen wir da inzwischen hingehen? - Ja, zieht euch etwas drüber, es ist kalt! - Etwas drüberziehen? Brauchte ich nicht. Hatte ich doch schon: Meinen Polizeimantel. Also Mütze auf und los! Mein "Dienstkollege" und ich.
Langsam stolzierten wir mit ernsten Mienen über den Hof, durch die Gänge und Flure und Zimmer, wo es noch turbulent zuging. - Doch, was war das? Eigentümlich: Überall, wo wir auftauchten, wurde es deutlich ruhiger, streiften uns manchmal etwas ängstliche Blicke, trat man respektvoll zur Seite, hielt man mit dem Gebrüll zurück. Dort, wo sich eben einige Jungen kloppten, war plötzlich Friede. Der Bursche, der gerade seinen Pappbecher ins Gebüsch geworfen hatte, bückte sich, ihn aufzuheben. In einer dunkleren Ecke schmuste ein Junge mit einem Mädchen und - hui! - waren sie auseinander, als wir kamen. Wir sprachen die ganze Zeit kein Wort. Wir spielten nicht unsere Theaterrolle. Wir wollten das alles gar nicht. Nur diese Uniform, die weiße Dienstmütze, der lange, schwere Ledermantel, nur unser "Kostüm" erzeugte diesen Respekt. Übrigens auch bei den anwesenden Erwachsenen. Wie heißt doch das Sprichwort? "Kleider machen Leute!"
Wir brauchten um das Gelingen unseres Spiels nicht mehr zu bangen. Jedenfalls nicht um die Glaubwürdigkeit von uns zwei Polizisten - aus der 8.Klasse.
Viel zu feierlich - so geht das nicht!
Ingo (7-11)
Als ich in "Der kleine Tim und die Sternrose" die Titelrolle spielen durfte, war ich gerade acht Jahre alt und der Kleinste in unserer Schule. Alle Mitspieler waren mindestens zwölf, meistens schon vierzehn.
Als Tim war ich ein verzauberter Hampelmann, musste also klein sein. Schön und gut. Aber in meinem Spiel wollte ich „ganz groß“ sein. Die anderen sollten mich nicht mitleidig belächeln, sondern staunen. Denen wollte ich es zeigen!
Da musste z. B. der tote Hampelmann aus Pappe plötzlich lebendig mitten auf der Bühne sitzen: Licht aus - Knall - Licht an - und da saß ich, in Sekundenschnelle. Fragt mich nicht, wie sehr mir dabei der Po weh getan hat, denn Bühnenbretter sind hart, und ich sprang so schwungvoll auf die Planken wie manchmal ins Bett.
Im letzten Bild aber musste im Spiel mein „Leben“ zu Ende gehen oder beinahe zu Ende, weil die Weihnachtsnacht fast vorbei war, und der Matthias die Sternrose noch nicht gefunden hatte. Diese „Sterbeszene“ übte ich heimlich auf einem Hocker vor dem Spiegel im Waschraum. Immer wieder verbesserte ich an mir das Hängenlassen der schlaffen Arme und des Kopfes, das unsichtbare Atmen, das Anwinkeln eines Knies und den Sitz meiner Zipfelmütze.
Dann kam es zur ersten Bühnenprobe. Wie bei anderen wichtigen Szenen dieses Spiels bekam auch mein Auftritt eine musikalische Untermalung. Bei dunkler Bühne erklang aus Hansel und Gretel von Humperdinck der Abendsegen. Dann kam von einem Punktscheinwerfer ganz langsam Licht auf meinen Platz. Ich saß auf einem winzigen Tischlein, regungslos und stumm an den Bühnenpfeiler gelehnt - ein Bild des Jammers. Völlig beeindruckt von der Licht- und Klangwirkung spürte ich: Mein Spiel ist klasse! Ich bin der Beste!
Plötzlich zerriss die Stimme des Spielleiters mit hartem Klang die andächtige Stille: "Schluss! - Saallicht! - Tonband aus! - So geht das nicht. Das ist viel zu feierlich. Da schwimmt uns ja der Saal weg vor Tränen."
Ich muss wohl in diesem Augenblick noch jämmerlicher ausgesehen haben vor lauter Enttäuschung. Denn „der Chef“ kam zu meinem Tischchen, legte seine Hände auf meine Schultern und sagte tröstend: "Das ist doch nicht deine Schuld. Im Gegenteil: Du warst so spitzenmäßig gut, da war die Musik einfach zu viel des Guten. Du weißt doch: Allzu süß schmeckt nicht. Wir üben diese Szene noch mal, aber ohne Ton, nur mit deinem stummen Spiel. Mach's genauso wie eben."
So haben wir es dann auch gelassen, in jeder Aufführung. Einmal tätschelte eine Mutter beim Hinausgehen meine Wangen und lobte mich: "Kind, du warst so ergreifend. Beinahe sind mir die Tränen gekommen."
Naja - beinahe. Mehr sollte es ja auch nicht sein. Denn allzu süß schmeckt nicht mehr.
Wir spielten in einem richtigen Theater
Frank (11-15)
Ja, ob ihr es glaubt oder nicht: Im Stadttheater Lüneburg, also auf einer richtigen, großen Bühne sollten wir spielen, eine Nachmittagsvorstellung für mehr als 600 Senioren mit Musik, Gesang und eben auch unserem Spiel. „Was sollen wir tun?“ hieß es. Das ist ein ziemlich spannendes Problemstück, das wir schon mehrere Male mit Erfolg gespielt hatten. Wir zweifelten nicht eine Sekunde daran, dass wir Beifall und viel Lob ernten würden.
Dann kam aber Fehlschlag auf Fehlschlag.
Das lange, enttäuschte, ärgerliche Gesicht unseres Spielleiters verhieß nichts Gutes: "Wir kriegen die Bühne nicht zum Proben, nicht für fünf Minuten! Ich kann euch nur sagen: Spielt ganz vorn an der Rampe und sprecht laut, lauter am lautesten - schreit euren Text! Souffleurkasten gibt es nicht! Ihr müsst euch selbst helfen, wenn jemand steckenbleibt."
Den zweiten Schlag kriegten wir, als wir die Requisiten auf die Bühne stellten. Der dunkle, geschlossene Vorhang starrte uns drohend an und schien endlos breit zu sein, die Bühne noch viel breiter. Wir waren vier Meter Bühne bei 3,50 m Vorhangbreite gewöhnt. Das hier war mindestens dreimal so viel, - ach nein, noch mehr!
Beim Öffnen des Vorhanges kam der dritte Schlag: Da tat sich vor uns eine Vorbühne auf, die noch breiter war und etwa vier Meter tief. Davor gähnte der dunkle Zuschauerraum wie ein riesiges schwarzes Loch, das uns gleich verschlucken würde. Uns rutschte das Herz in die Hosen, als wir zum Auftritt geschickt wurden.
Aber es kam noch schlimmer. Nach den ersten Sätzen tönte es aus dem schwarzen Loch: "Lauter!" Und dabei mussten wir im Spiel Heimlichkeiten besprechen. Oder sollten wir etwa brüllen: "Seid vorsichtig, seid leise!!!" Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, doch immer wieder rief jemand: Lauter! Andere zischten. Einmal wurde auch gepfiffen.
Endlich Schluss. Mäßiger Anstandsbeifall. Wir schlichen von der Bühne wie geprügelte Hunde.
Im Bus murmelte unser Spielleiter immer wieder: "Diese Schufte!" Aber er meinte nicht uns, sondern den Bühnenmeister und seine Mitarbeiter, die es verweigert hatten, uns auf der großen Bühne zur Probe einzuspielen. Unser Hardy, den wir Professor nannten, meinte trocken: "Das ist der pure Berufsneid. Die gönnten uns den Erfolg nicht."
Fortsetzung folgt ...